{"id":1021,"date":"2025-04-22T08:23:30","date_gmt":"2025-04-22T06:23:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.heritageandhistory.ch\/site\/?p=1021"},"modified":"2025-05-01T21:24:37","modified_gmt":"2025-05-01T19:24:37","slug":"juden-altern-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.heritageandhistory.ch\/site\/beitrage\/juden-altern-nicht\/","title":{"rendered":"Juden altern nicht"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor der Pandemie war ich einige Male in Israel, um nach Dokumenten zu suchen, die mir helfen k\u00f6nnten, ein vollst\u00e4ndigeres Bild vom Leben und Werk von Rabbiner Dr. Lemle in Brasilien zu zeichnen. Wir haben bereits viel Material in der von ihm gegr\u00fcndeten Gemeinde ARI und bei der Familie Lemle, haupts\u00e4chlich \u00fcber seine Arbeit in Deutschland und England, bzw. ihrem Herkunftsland und ihrem Exilland vor Brasilien.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Aufenthalte waren f\u00fcr mich als Forscher aufschlussreich, als Mensch erbaulich und entscheidend f\u00fcr meine Beziehung zu Israel und seinen B\u00fcrgern. Ich kann mir vorstellen, dass jeder das irgendwann in seinem Leben durchmacht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei einem dieser Besuche im Archiv der Hebr\u00e4ischen Universit\u00e4t in Jerusalem war ich sehr \u00fcberrascht von der Anzahl orthodox aussehender M\u00e4nner, die die \u00f6ffentlich zug\u00e4nglichen Computer in der Universit\u00e4tshalle benutzten. Ich habe damals sogar gegen\u00fcber der mich begleitenden Forscherin meine Freude dar\u00fcber zum Ausdruck gebracht, dass sich so viele von ihnen f\u00fcr Kultur, Wissenschaft, Forschung und Information in einem nicht orthodoxen Rahmen interessierten! Naivit\u00e4t meinerseits! Sie erkl\u00e4rte mir schnell, dass sie dort waren, um sich Pornoseiten anzusehen! Offenes und freies Internet, ohne \u201ekoscherisierende\u201c Einschr\u00e4nkungen oder Eingriffe restriktiver Rabbiner.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als vern\u00fcnftige, universale, humanit\u00e4re und moderne B\u00fcrger stellen wir oft das Z\u00f6libat unter katholischen Geistlichen in Frage. Dieses Thema wurde in den letzten Jahren in der Presse so intensiv diskutiert, dass es den k\u00fcrzlich verstorbenen Papst dazu veranlasste, die Angelegenheit \u2013 m\u00f6glicherweise gegen grossen Druck \u2013 in Synoden und kirchlichen Versammlungen zu diskutieren. Aber geht unsere Kaschrut nicht denselben Weg, wenn sie auf Rituale beschr\u00e4nkt und nicht mit dem ethischen oder moralischen Charakter unseres Verhaltens verkn\u00fcpft ist?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Reformjuden stellen wir die Ethik sicherlich \u00fcber das Ritual. Ich glaube wirklich daran und an den Weg der Korrektheit, mehr als an den Weg der Heiligkeit. Bei der Korrekheit wird sogar die Abweichung erkannt und behoben, sie wird angepasst, w\u00e4hrend die Heiligkeit ein absolutes Mass ist und kaum menschlich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In seiner weniger offensichtlichen Bedeutung bedeutet \u201eKascher\u201c legitim, angemessen, richtig und kann der Weg zu Shalom sein, was in seiner weniger popul\u00e4ren Bedeutung auch Ganzheit und Vollst\u00e4ndigkeit bedeutet. Vielleicht mehr als das, was wir zu uns nehmen, aber unser Handeln kann uns zu diesem Zustand der Zufriedenheit f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Shoah verursachte einen schweren Generationenriss. Sicherlich in Zahlen, sowohl absolut als auch relativ, aber es hat auch unseren Glauben ersch\u00fcttert, was der Weg der Korrektheit zu diesem Shalom f\u00fchrt. Der Versuch, uns zu vernichten, hat uns getrennt, zerstreut und gewaltsam ausged\u00fcnnt \u2013 sie haben unsere B\u00fccher verbrannt, unser Volk ermordet und uns entmenschlicht. An diesem Tag so grosser Trauer, an dem wir die Welt dazu bringen m\u00fcssen, die Shoah nicht zu vergessen, bin ich erstaunt dar\u00fcber, wie sehr uns der damalige grausame Mechanismus von einer j\u00fcdischen Existenz, einer j\u00fcdischen Denk- und Handlungsweise, einem j\u00fcdischen Verst\u00e4ndnis der Welt, einem Umgang mit ihr und einer j\u00fcdischen Reaktion auf sie entfernt hat.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir reduzieren oft das J\u00fcdischsein auf Folklore und Anekdoten! Meine heutige \u00dcberlegung, insbesondere f\u00fcr uns Reformjuden, besteht darin, wie wir die J\u00fcdischkeit im Denken, Handeln und in Beziehungen wiederherstellen k\u00f6nnen, ohne auf unser t\u00e4gliches Leben zu verzichten. Oder besser gesagt: Wie wir unser J\u00fcdischsein in unser t\u00e4gliches Leben integrieren k\u00f6nnen! Vielleicht ist es an der Zeit, sich wieder der Herausforderung zu widmen, die die Reform im 18. Jahrhundert und ihre brillanten Rabbiner und Theoretiker in den letzten 250 Jahren so gut gemeistert haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4re es in der Diaspora gut, wieder zu einem kleinen Kreis zur\u00fcckzukehren, das heisst, in der N\u00e4he zu wohnen und unmittelbaren Zugang zu Synagogen und Studienr\u00e4umen zu haben? W\u00fcrde die Geografie allein das Problem l\u00f6sen? Werden wir dann mit unserem J\u00fcdischsein so im Reinen sein, dass wir es in unserem t\u00e4glichen Leben erfahren wollen? N\u00e4herzukommen w\u00e4re vielleicht der beste Ausdruck des Opfers, des Korban, das uns einander n\u00e4herbringt, uns einbindet und uns hingibt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ist es das, was wir an Israel lieben? Wo sich in die allgemeine Gesellschaft zu f\u00fcgen nicht direkt den Zerfall unserer Identit\u00e4t bedeutet? W\u00e4re eine Vers\u00f6hnung mit dem j\u00fcdischen Alltagsleben der beste Weg, jene Generationen zu ehren, die aus unserer Mitte gerissen wurden?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Egal, wie viel sie uns zuschreiben oder wie wir uns selbst als Menschen der Geschichte, der Vergangenheit und der Traditionen betrachten, ich glaube nicht, dass wir das sind! Wir sind das Volk der Erinnerungskultur, das schon. Wir aufarbeiten die Vergangenheit, damit sie zum treuen Begleiter wird, mit dem wir Hand in Hand durch die Jahrhunderte reisen. Nicht weil es nicht altert, sondern weil wir nicht altern. Es gibt nichts Moderneres und Zeitgem\u00e4sseres als einen Pessach-Seder in einem tropischen Land! Es gibt nichts Avantgardistischeres, als die Erschaffung der Welt zu feiern, wenn alle nur von Zerst\u00f6rung reden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute ist Jom HaSchoa vehaGevura. Shoa und Gevura. Am selben Tag: Holocaust und Heldentum, wir trauern und feiern, wir mahnen und wir sind stolz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und so ist es eben. So ist das Leben, und vor allem das j\u00fcdische Leben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich lade alle ein, eine Kerze f\u00fcr jemanden anzuz\u00fcnden, der im Holocaust sein Leben verloren hat. So k\u00f6nnen Sie das Andenken von Menschen ehren, die keinen lebenden Angeh\u00f6rigen mehr haben, der sich an sie erinnert. Erinnern Sie sich an Ihresgleichen und machen Sie ein Unbekanntes zu Ihremgleichen: https:\/\/www.illuminatethepast.org<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor der Pandemie war ich einige Male in Israel, um nach Dokumenten zu suchen, die mir helfen k\u00f6nnten, ein vollst\u00e4ndigeres Bild vom Leben und Werk von Rabbiner Dr. Lemle in Brasilien zu zeichnen. 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