{"id":105,"date":"2019-10-15T00:06:03","date_gmt":"2019-10-14T22:06:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.heritageandhistory.ch\/site\/?p=105"},"modified":"2024-08-21T21:54:59","modified_gmt":"2024-08-21T19:54:59","slug":"der-kidduschbecher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.heritageandhistory.ch\/site\/beitrage\/der-kidduschbecher\/","title":{"rendered":"Der Kidduschbecher"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Pr\u00e4senz des Bechers f\u00fcr den Kiddusch<sup data-fn=\"229ec4eb-8433-4557-8a73-20bedd13dd69\" class=\"fn\"><a href=\"#229ec4eb-8433-4557-8a73-20bedd13dd69\" id=\"229ec4eb-8433-4557-8a73-20bedd13dd69-link\">1<\/a><\/sup> unter den Gegenst\u00e4nden von Judaika beruht ausschliesslich auf der Tatsache, dass er der Beh\u00e4lter ist, in dem sich Wein befindet. Der Wein wurde zum ersten Mal im Talmud in einer l\u00e4ngeren Diskussion \u00fcber die Reihenfolge des Segens \u00fcber die Fr\u00fcchte des Weinstocks erw\u00e4hnt und von der Zeit blieb der Brauch, ihn nach den Gebeten zu trinken. Erst unter dem Einfluss des Hellenismus wurde der Wein innerhalb des Gottesdienstes im Tempel von Jerusalem verwendet. Bis dahin wurde er nur als Trankopferritual auf die Alt\u00e4re des Heiligtums gegossen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Tatsache, dass der (Kiddusch-) Becher eines der bekanntesten und beliebtesten Getr\u00e4nke enthielt machte es notwendig, besondere Aufmerksamkeit auf ihn zu schenken. Daf\u00fcr wurden von den einfachsten bis zu den raffiniertesten Materialien und Techniken eingesetzt, vom fernen Osten bis zu den westlichen L\u00e4ndern. Der zeremonielle Becher steht immer auf dem j\u00fcdischen Tisch und Ritual: am Schabbat, auf Festen wie <em>Pessach<\/em>, <em>Rosch Haschana<\/em> und <em>Sukkot<\/em>, und in den wichtigsten Momenten des Lebenszyklus der Juden: bei Geburtsfeiern (<em>Brit<\/em><sup data-fn=\"08cbebe4-bada-449d-babe-a10b1f3fd433\" class=\"fn\"><a href=\"#08cbebe4-bada-449d-babe-a10b1f3fd433\" id=\"08cbebe4-bada-449d-babe-a10b1f3fd433-link\">2<\/a><\/sup><em> Milah<\/em>, im Falle eines Jungen), in der <em>Bar-Mitzwa<\/em> und bei Hochzeiten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das j\u00fcdische Gesetz schreibt Kiduschbechern keine bestimmten Vorgaben vor; die einzigen Anforderungen sind, dass sie makellos, sauber und von angemessener Gr\u00f6\u00dfe f\u00fcr die Weinmenge sind. Dies erm\u00f6glichte eine Variation in Form, Stil, Material, Gr\u00f6\u00dfe und Dekoration.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zu den beliebtesten Bechern unter Juden in Osteuropa z\u00e4hlen solche russischer und polnischer Herkunft aus dem 19. und fr\u00fchen 20. Jahrhundert. Diese kleinen Becher bestehen meistens aus Silber und haben eine durchschnittliche H\u00f6he von 5,5 cm. Sie haben die Form eines Fingerhutes und \u00e4ndern sich je nach Herstellungszeitpunkt. Die fr\u00fcheren sind sehr gut verarbeitet, mit lokalen st\u00e4dtischen oder floralen Motiven, innerhalb eines zentralen Streifens oder einer geometrischen Form. Die sp\u00e4teren, die sowohl in Russland als auch in Polen hergestellt wurden, sind einfacher mit geringerem k\u00fcnstlerischem Aufwand, das wohl eine Reaktion auf gr\u00f6\u00dfere Auftragsmengen zu sein scheint.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In 18. Und 19. Jahrhunderten war der S\u00fcden Deutschlands eine bedeutende Gegend f\u00fcr die Produktion von Silberst\u00fccken, die f\u00fcr j\u00fcdische Rituale verwendet wurden. Eine sehr h\u00e4ufige Form waren Becher mit kugelf\u00f6rmigen Fu\u00dfst\u00fctzen. Ein anderer Stil auch aus den s\u00fcdlichen Gegenden zeigt Becher mit muschel\u00e4hnlichen Formen vom Boden halbwegs Richtung R\u00e4nder.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Verzierung der Becher ist vielf\u00e4ltig. Es k\u00f6nnen Pflanzenmotive, Stadtlandschaften oder j\u00fcdische Symbole sein oder Inschriften auf Hebr\u00e4isch (oder in der Landessprache) enthalten, die sich im Allgemeinen auf Segnungen oder sogar auf Bibelstellen beziehen, oder wann oder f\u00fcr wen der Becher erworben oder gespendet wurde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die hohen, eleganten Kelche sind sehr charakteristisch f\u00fcr Deutschland. Sie sind normalerweise glockenf\u00f6rmig, aus noblerem Material und reich verziert, oft auch mit Inschriften. Innerhalb des j\u00fcdischen Rituals werden sie f\u00fcr die wichtigsten Feste oder f\u00fcr den \u00e4ltesten Mann der Familie am Tisch verwendet. Zu <em>Pessach<\/em> werden sie f\u00fcr den Seder, das feierliche Abendmahl, f\u00fcr den Propheten Eliahu Hanawi auf den Tisch gestellt. W\u00e4hrend des Seders werden vier Segnungen \u00fcber den Wein ausgesprochen und die vier f\u00fcr diesen Zweck benutzten Becher k\u00f6nnen Szenen oder Inschriften enthalten, die sich auf Pessach beziehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Formen variieren auch stark in Bezug auf ihre Funktionen. Schabbatspezifische Becher tragen oft die hebr\u00e4ische Inschrift: \u00abErinnere dich an den Schabbat, um ihn heilig zu halten\u00bb (Exodus 20: 8). F\u00fcr die <em>Hawdalah<\/em>, Zeremonie zum Schluss des Schabbats, die den heiligen Schabbat von den anderen Wochentagen trennt, wird der Kelch der Erl\u00f6sung (<em>Kos Jeschuot<\/em>) verwendet. Dieser Becher hat normalerweise die R\u00e4nder nach Aussen gebogen, so dass der Wein beim Eingiessen auf den Teller \u00fcberl\u00e4uft, auf dem die Hawdalah-Kerze gel\u00f6scht wird. Metaphorisch bedeutet der \u00dcberlauf von Wein F\u00fclle.<\/p>\n\n\n<ol class=\"wp-block-footnotes\"><li id=\"229ec4eb-8433-4557-8a73-20bedd13dd69\">Segnung mit Wein <a href=\"#229ec4eb-8433-4557-8a73-20bedd13dd69-link\" aria-label=\"Zur Fussnotenreferenz 1 navigieren\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><li id=\"08cbebe4-bada-449d-babe-a10b1f3fd433\">Beschneidung eines Jungen 8 Tage nach der Geburt <a href=\"#08cbebe4-bada-449d-babe-a10b1f3fd433-link\" aria-label=\"Zur Fussnotenreferenz 2 navigieren\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Pr\u00e4senz des Bechers unter den Gegenst\u00e4nden von Judaika beruht ausschlie\u00dflich auf der Tatsache, dass er der Beh\u00e4lter ist, in dem sich Wein befindet. Der Wein wurde zum ersten Mal im Talmud in einer l\u00e4ngeren Diskussion \u00fcber die Reihenfolge des Segens \u00fcber die Fr\u00fcchte des Weinstocks erw\u00e4hnt und von der Zeit blieb der Brauch, ihn nach den Gebeten zu trinken. 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