{"id":963,"date":"2021-07-29T22:57:07","date_gmt":"2021-07-29T20:57:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.heritageandhistory.ch\/site\/?p=963"},"modified":"2024-08-19T23:01:25","modified_gmt":"2024-08-19T21:01:25","slug":"deutsch-juedisches-kulturerbe-im-tropischen-rio-de-janeiro","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.heritageandhistory.ch\/site\/beitrage\/deutsch-juedisches-kulturerbe-im-tropischen-rio-de-janeiro\/","title":{"rendered":"Deutsch-j\u00fcdisches Kulturerbe im tropischen Rio de Janeiro"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Kiddusch-Becher steht beispielhaft f\u00fcr die Bewegung der verschiedenen j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerungen Europas \u2013 sei sie gewollt, oder ungewollt gewesen. In der Tat spielt Bewegung eine wichtige Rolle auch f\u00fcr die nicht-j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerungen, mehr als der engstirnige nationalbezogene Gedanke erlauben m\u00f6chte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Menschen bewegen sich st\u00e4ndig. Nicht immer k\u00f6nnen oder d\u00fcrfen sie ihren Besitz mitnehmen. Im 20ten Jahrhundert gl\u00fcckte nur einem Teil der europ\u00e4ischen Juden die Flucht vor den nationalsozialistischen Verfolgungen. Und klein ist die Zahl derer, die ihr Hab und Gut, ihre materielle Existenz, mitzunehmen vermochten, sodass der Stellenwert des immateriellen Gep\u00e4cks \u2013 der Kultur, der Tradition, des erworbenen Wissens \u2013 immer wichtiger wurde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In diesem Zusammenhang sind Judaika-Objekte nicht nur Begleiter oder Protagonisten im j\u00fcdischen Kultus oder im allt\u00e4glichen oder zeremoniellen Leben von Juden, sondern viel mehr selber \u00dcberlebende. Dieser Becher hat mit dieser Ausstellung das Gl\u00fcck und die Ehre in seine Heimat, in seinen Entstehungsort nach ungef\u00e4hr 180 Jahren zur\u00fcckzukehren. Vielen anderen \u2013 Judaika, Menschen, B\u00fcchern \u2013 ist das leider nie m\u00f6glich gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ihre Form, ihr Material, ihr Stil stehen verh\u00e4ltnism\u00e4ssig zu dem sozialen Gewebe, der Lebensform, der Zeitgeist, zu der die Menschen geh\u00f6rten, die sie benutzt, bestellt, oder im Auftrag gegeben haben. Indem wir uns diese Objekte anschauen, bekommen wir zugleich die menschlichen Geschichten, die dahinter stecken, mit. Unter diesen Geschichten sind auch die Geschichten von Deutschen, die Juden gewesen sind, Fl\u00fcchtlige des eigenen Landes.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Therese Bierig, 1913 in Frankfurt am Main geboren und 1937 nach Rio ausgewandert, erz\u00e4hlt uns: \u201eJeden Tag legte ich den Weg von zuhause bis zum B\u00fcro zur\u00fcck. Dazu brauchte ich ungef\u00e4hr 25 Minuten. Unterwegs traf ich Klassenkameraden, ehemalige Schulfreundinnen, wir gingen den Weg zusammen. Eines Tages fiel mir auf, dass sie mich nicht mehr gr\u00fc\u00dften. Sie sahen durch mich hindurch. Anfangs dachte ich, es sei ein pers\u00f6nliches Problem, dass ich jemanden beleidigt oder etwas getan h\u00e4tte, das sich nicht geh\u00f6rte. Doch bald merkte ich, dass niemand auf der Strasse mich mehr gr\u00fcsste.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als mein Vater noch lebte, hatte er einem meiner Cousins in Rio de Janeiro geschrieben und gefragt, ob es nicht m\u00f6glich w\u00e4re, dass wir nach Brasilien k\u00e4men. Wir brauchten von meinem Cousin ein Einladungsschreiben, das es erlaubte, Angeh\u00f6rige nachzuholen. Es liess auf sich warten. Mein Vater starb. Da verlor ich den Mut wegzugehen, ich wollte meine Mutter nicht allein lassen. Aber dann verschlechterte sich die Situation dramatisch. 1937 machten wir uns schliesslich auf den Weg. Mein Mann gab seine Arbeit auf. Als mein Mann 1936 seinem Onkel mitteilte, dass wir auswandern wollten, meinte dieser: \u201cWarum willst du weggehen? Wieso hast du es so eilig?\u201d fragte er.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch der Frankfurter Rudi Feitler, 1911 geboren und 1935 in Rio angekommen, erinnerte sich mit Verwunderung an vergangene Jahre zur\u00fcck: \u201eMeine Mutter war Pianistin. Mein Vater war Textilkaufmann und vertrat auch die Gesch\u00e4fte meines Grossvaters m\u00fctterlicherseits. Unsere finanzielle Situation war gut. In unserem Haus gaben sich Bildhauer, Maler, Musiker die Klinke in die Hand. Eine grossartige Geschichte. Meine Schwester studierte auch Musik. Sie nahm Gesangsunterricht in M\u00fcnchen. Eines Tages schrieb sie uns einen Brief: \u201eGestern habe ich die Rede eines Mannes geh\u00f6rt, er heisst Hitler. Faszinierend!\u201c Das war im Jahr 1924.\u201c<em>&nbsp;<\/em>Rudi Feitlers Patenonkel war der Bildhauer Benno Elkan, der die Menora vor dem israelischen Parlament in Jerusalem geschaffen hat. Benno Elkans Karriere war von Rudi Feitlers Vater unterst\u00fctzt worden. Rudi und Erna Feitlers Enkelkind, Bruno, ist ein renommierter Historiker in Brasilien und hat Elkans fr\u00fchere Arbeiten bei sich zu Hause in S\u00e3o Paulo.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit diesen Menschen besch\u00e4ftige ich mich. Sie sind die Eltern oder Grosseltern meiner Freunde und Bekannten aus meiner Gemeinde in Rio, die am 13. Januar 1942 unter der Leitung von Rabbiner Dr. Lemle gegr\u00fcndet worden ist. Menschen, denen der Aufbau eines neuen Lebens gelungen ist, nachdem die alten Wurzeln in Europa gewaltsam herausgerissen worden waren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIch unterzeichnete eine Verpflichtungserkl\u00e4rung,\u201c erz\u00e4hlt uns Hans Wilmersdorfer, 1908 in Amberg geboren, \u201edass ich Deutschland binnen einiger Wochen verlassen w\u00fcrde und durfte, gehen. Ich fuhr direkt zu mir nach Hause, nach M\u00fcnchen, mit meinem kahlgeschorenen Kopf, alle Leute wussten schon, dass so einer als H\u00e4ftling in Dachau gewesen war. Mein Vater war vor mir entlassen worden, er war nur 18, 20 Tage inhaftiert. Denn nach den gesetzlichen Bestimmungen, wenn man \u00fcberhaupt von gesetzlichen Bestimmungen reden kann, h\u00e4tte er aufgrund seines Alters gar nicht verhaftet werden d\u00fcrfen. Mein Bruder lebte schon seit 1936 in Brasilien. Ich kam im Februar 1940 an und begann im M\u00e4rz zu arbeiten. In Brasilien war es m\u00f6glich, auf die eine oder andere Art \u00fcber die Runden zu kommen. Und wir waren sehr gl\u00fccklich mit dem Wenigen, das wir verdienten. Das gen\u00fcgte uns. Alles im Leben ist relativ.\u201c Hans Wilmersdorfer wurde ein erfolgreicher Unternehmer in Rio und war \u00fcber 10 Jahre Pr\u00e4sident des deutsch-j\u00fcdischen Altenheims Uni\u00e3o, das 1937 in Rio gegr\u00fcndet worden war.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Innerhalb des Prozesses des schmerzhaften Verlusts der geliebten Heimat und des Heimischwerdens im Aufnahmeland, der mit Trauer und Wut, aber mit dem Gef\u00fchl des \u00dcberlebens und neu gewonnenem Selbstvertrauen verbunden war, gaben einige Frauen und M\u00e4nner Orientierung und wurden zu Vorbildern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die geistige F\u00fchrung der deutschen Rabbiner spielte eine essenzielle Rolle, damit die j\u00fcdischen Fl\u00fcchtlinge in Zuversicht und Sicherheit eine neue Existenz begr\u00fcnden konnten. Einer davon war Rabbiner Dr. Lemle. Seine Familie geh\u00f6rte zu den ersten Opfern des nationalsozialistischen Regimes, denn w\u00e4hrend eines Pogroms im M\u00e4rz 1933 in Creglingen erlitt sein Onkel und Vater seiner sp\u00e4teren Frau t\u00f6dliche Verletzungen. Rabbiner Dr. Lemle wurde 1909 in Augsburg geboren. Am 1. April 1933, dem Tag des gezielten deutschlandweit durchgef\u00fchrten Boykotts j\u00fcdischer Gesch\u00e4fte, Warenh\u00e4user, Banken, Arztpraxen, Rechtsanwalts- und Notarkanzleien, trat er seine erste Stelle als Gemeinderabbiner der liberalen Gemeinde in Mannheim an. Im Juni 1934 ging er nach Frankfurt am Main, um dort das Amt des Jugendrabbiners in der Gemeinde Frankfurt zu bekleiden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eMeine T\u00e4tigkeit als Gemeinderabbiner begann ich in Mannheim am 1. April 1933. Wenige Monate sp\u00e4ter besuchte mich Rabbiner Dr. C\u00e4sar Seligmann und lud mich im Auftrag des Vorstandes der Gemeinde Frankfurt ein, als Rabbiner in diese grosse traditionsreiche Gemeinde zu kommen. Man bot mir die M\u00f6glichkeit, etwas ganz Neues zu versuchen. Ich sollte als erster Rabbiner f\u00fcr die Jugend haupts\u00e4chlich f\u00fcr die Jugend t\u00e4tig sein. Die j\u00fcdische Jugend jener Tage erlebte ihr Jude-sein zun\u00e4chst als St\u00f6rung aller Pl\u00e4ne f\u00fcr die Zukunft. Dann erlebten wir, dass in diesem Haus viel mehr entstanden war als nur ein Jugendheim. Hier war das Zentrum des Erarbeitens und des Aufbaus, von hier strahlte die Kraft aus, die hineinwirkte in Heimabende und Wanderungen, in die Werkst\u00e4tten und Immigrationsvorbereitungslager, die Kraft, die mit hinaus wanderte auf Z\u00fcgen und Schiffen, \u00fcber L\u00e4nder und Meere.\u201c&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie Tausende von Juden wurde Rabbiner Dr. Lemle nach der Reichspogromnacht am 9. November 1938 verhaftet und ins Konzentrationslager Buchenwald deportiert. Nur unter Vermittlung von der&nbsp;<em>Union Progressiver Juden<\/em>&nbsp;in London gelang die Befreiung im Dezember 1938 und bald darauf die Flucht nach England. Dort konnte Dr. Lemle anfangs als Rabbiner t\u00e4tig sein, bevor er nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im September 1939 als \u201e<em>enemy alien<\/em>\u201c (ausl\u00e4ndischer Feind) auf der Isle of Man interniert wurde. Ende 1940 emigrierte Rabbiner Dr. Lemle zusammen mit seiner Familie nach Rio de Janeiro, wo ihn die deutschsprachige j\u00fcdische Gemeinschaft bereits erwartete.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hermann Zuckermann, 1912 in N\u00fcrnberg geboren, war 13 Jahre Vorsitzender der deutsch-j\u00fcdischen Gemeinde und erz\u00e4hlt uns heute: \u201eAls das Schiff in Le Havre ablegte, habe ich sehr geweint. Aber als wir in Rio ankamen, am 30. April 1934, kannte ich schon die Leute auf dem Schiff. In Rio war ich auch Mitglied eines Clubs. Er nannte sich Clube 33 und hatte seinen Sitz in Botafogo. Juden, die zwei oder drei Monate fr\u00fcher angekommen waren, hatten ihn gegr\u00fcndet. Dort verbrachten wir die Abende, spielten Karten, Schach, unterhielten uns. Dort bildete sich der erste Minjan (Gebetsgruppe) f\u00fcr die j\u00fcdischen Feiertage.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Manche konnten fliehen und sich nach Rio de Janeiro oder S\u00e3o Paulo retten. 1933 kamen die ersten 150 Fl\u00fcchtlinge aus Deutschland an. In Brasilien kamen insgesamt zwischen 1933 und 1941 rund 20.000 bis 35.000 deutsche Juden an. Diese Zahlen sind jedoch schwer zu bestimmen. 1935 allerdings begannen schon in Deutschland die Restriktionen f\u00fcr die Auswanderung von Juden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erwin Wegner, 1909 in Berlin geboren, erz\u00e4hlt uns von seiner Ankunft in Brasilien in 1936: \u201eAm 23. Dezember kam ich in Brasilien an. Es war ein heisser Tag, sehr heiss. Meine Schwester holte mich ab, wir fuhren direkt zu ihr nach Hause. F\u00fcr mich war das alles neu. Das Klima, die Menschen, alles ganz anders. Auf der Avenida Rio Branco standen die Leute in Gruppen, sie unterhielten sich, gestikulierten und redeten laut. Und die Strassenbahnen waren alle offen, der Schaffner dr\u00e4ngte sich an den Menschen vorbei und rief: Entschuldigung, w\u00e4ren Sie so freundlich? W\u00e4ren Sie so freundlich?\u201c&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Deutsch-Juden stossen dann auf eine j\u00fcdische Gemeinde in Rio de Janeiro, die \u00fcberwiegend sephardischer Herkunft war \u2013 also aus L\u00e4ndern des Osmanischen Reiches, Syrien, Libanon, \u00c4gypten, der T\u00fcrkei \u2013 oder aus Marokko, und osteurop\u00e4ischer Herkunft \u2013&nbsp;&nbsp;Polen, Russen, Litauer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch wenn alle Einwanderer die Herausforderungen der Neuanf\u00e4nge teilten, folgte unmittelbar nach der Ankunft die Differenzierung der Gruppen: Die deutsch-j\u00fcdischen Einwanderer kamen meist aus b\u00fcrgerlichen, gebildeten Schichten, hatten jedoch kompliziertere b\u00fcrokratische Anliegen zu bew\u00e4ltigen wegen ihrer Staatsangeh\u00f6rigkeit und sogar Staatslosigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Brasilien steckte damals mitten in der \u201e\u00c4ra Vargas\u201c \u2013 von 1930 bis 1945 war Getulio Vargas zuerst Pr\u00e4sident und im Anschluss Diktator. Diese Zeit brachte tiefgreifende gesellschaftliche Umw\u00e4lzungen mit sich, begleitet von einem erwachenden Nationalismus. Hinzu kamen Vargas\u02bcBewunderung f\u00fcr die faschistischen europ\u00e4ischen Diktatoren und ein ausgepr\u00e4gter Antisemitismus, der den latenten Antisemitismus in Teilen der brasilianischen Eliten und den Einfluss rechtsgesinnter deutschst\u00e4mmiger Einwanderer bef\u00f6rderte, die bereits 1931 die Gr\u00fcndung der ersten Vertretung der NSDAP in Brasilien vorantrieben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das von den rechtskatholischen Integralisten verbreitete Ger\u00fccht einer j\u00fcdisch-kommunistischen Verschw\u00f6rung (der sogenannte Cohen-Plan) gab Vargas die Gelegenheit den Kriegszustand auszurufen, den Nationalkongress aufzul\u00f6sen und am 10. November 1937 eine neue Verfassung in Kraft zu setzen. Damit begann die Diktatur des Estado Novo, des Neuen Staates. Die Einwanderungsgesetze vom Mai 1938 schlossen j\u00fcdische Fl\u00fcchtlinge zwar nicht aus, kn\u00fcpften die Einwanderung aber an komplizierte, b\u00fcrokratische Bedingungen, welche die meisten nicht erbringen konnten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei Kriegsbeginn verhielt sich Vargas zun\u00e4chst scheinbar neutral. Hintergrund waren Handelsvertr\u00e4ge mit dem Dritten Reich. Zwar erh\u00f6hten die USA und Grossbritannien ab Mitte 1940 den Druck auf die brasilianische Regierung, aber es dauerte noch bis zum 22. Januar 1942 \u2013 nachdem deutsche U-Boote brasilianische Handelsschiffe vor der brasilianischen K\u00fcste torpediert hatten \u2013 bis Vargas nachgegeben und Deutschland und seinen Verb\u00fcndeten den Krieg erkl\u00e4rt hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unmittelbare Folgen dieser Kriegserkl\u00e4rung f\u00fcr deutschst\u00e4mmige Brasilianer und deutsche Einwanderer waren das Verbot der deutschen Sprache und der politischen Bet\u00e4tigung sowie Einschr\u00e4nkungen der Berufsaus\u00fcbung und der Reisem\u00f6glichkeiten innerhalb Brasiliens. Es folgten Verhaftungen von Personen mit deutschem Pass oder verdeckten Identit\u00e4ten, gegen die der brasilianische Geheimdienst seit 1938 ermittelt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erwin Wegner, 1936 eingewandert, konnte sich trotz seiner deutschen Ausbildung als Zahnarzt nicht g\u00e4nzlich integrieren. Erwin erz\u00e4hlt uns: \u201eDoch die Anerkennung freiberuflicher T\u00e4tigkeiten war noch nicht hinreichend geregelt und dann hiess es, ich m\u00fcsse noch einige Schulf\u00e4cher nachholen. Drei insgesamt: Portugiesisch, brasilianische Geschichte und Geografie. Ich besuchte eine Art Kolleg und schloss die genannten Zusatzf\u00e4cher ab. Erst 1951 durfte ich eine Pr\u00fcfung machen, um mein Diplom als Zahnmediziner anerkennen zu lassen. Damit endete die Phase meiner Immigration und der Kampf ums \u00dcberleben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ernesto Bach, 1920 als Ernst Albert Bach geboren, konnte 1938 mit einem falschen Visum nach Uruguay ausreisen und schaffte es, illegal in Brasilien einzuwandern. Ernesto erz\u00e4hlt uns: \u201eEs gab auch ein Gesetz, nach dem alle Einwanderer, die vor 1933 angekommen waren, automatisch eine Aufenthaltserlaubnis erhielten. Zwei j\u00fcdische Mitarbeiter schafften es, dass mein Name auf die Ankunftsliste eines bestimmten portugiesischen Schiffes gesetzt wurde, das 1932 oder 1933 angekommen war. So konnte ich meinen Aufenthaltstitel in Recife beantragen. Das war im Jahr 1939. Ungef\u00e4hr 1942 oder 1943 beschloss ich, nach Rio zu gehen. Aber ich brauchte einen Passierschein, denn ich galt als Deutscher. Es war sehr schwer, diesen Passierschein zu bekommen. Ich musste fliegen und alles mit grossem Vorlauf festlegen, aber der Passierschein konnte erst einen Tag vorher abgeholt werden. Als ich bei der Polizeiabteilung f\u00fcr politische und soziale Ordnung ankam, sassen da viele Leute, die einen solchen Schein haben wollten, und ich musste warten. Endlich war ich an der Reihe. Als der Beamte herauskam, ging er an mir vorbei und sagte: \u201cSie werden morgen nicht verreisen, ausgeschlossen.\u201c Ich ging immer wieder hin, mehrere Tage hintereinander. An einem Tag redeten sie nicht mit mir, am n\u00e4chsten gingen sie hinein und kamen wieder heraus, aber ohne mir das Geringste mitzuteilen. Tage sp\u00e4ter wurde ich aufgerufen, es war ein General anwesend, sie stellten mir ein paar Fragen, ich musste aber den ganzen Tag lang warten. Schliesslich dann die Ank\u00fcndigung: \u201eSie k\u00f6nnen Ihre Reise antreten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Juden aus Deutschland mussten unter diesen Umst\u00e4nden mit einer Doppelbelastung zurechtkommen: Bis 1942 waren sie als Juden unerw\u00fcnscht, nach 1942 dann als Deutsche unerw\u00fcnscht. Nach 1942 wurde die deutsche Sprache offiziell verboten. Um die deutsch-j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung zu sch\u00fctzen und die Ausstellung von Passierscheinen bei den Beh\u00f6rden zu erm\u00f6glichen, statteten die drei grossen deutsch-j\u00fcdischen Gemeinden Brasiliens \u2013 die SIBRA in Porto Alegre im S\u00fcden, die CIP in S\u00e3o Paulo und die ARI in Rio \u2013 ihre Mitglieder mit einem Ausweis aus, der sie als Juden auswies.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt Berichte von der Familie Sichel z.B., die sich zuerst im Inland des Nordosten Brasiliens angesiedelt hat, dass sie eine zweite Pogromnacht erleben mussten und die M\u00e4nner verhaften wurden. Kinder der Einwanderer, die zur heutigen Zeit um die 80, 85 Jahre alt sind, beherrschen die deutsche Sprache deutlich schlechter als j\u00fcngere Kameraden, denn die Eltern haben vermieden mit den Kindern Deutsch zu reden, damit sie sich auf der Strasse nicht verplappern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eMeine Mutter, mein Bruder und meine erste Frau blieben in Deutschland. Denn im Jahr 1940, als wir das Land verliessen, musste man schon ein Einladungsschreiben vorweisen und wir hatten nur Papiere f\u00fcr zwei Personen und mein Onkel, der in Shanghai war, schickte uns die beiden Einreisevisa und sagte: \u201eSobald ihr abgereist seid, werden wir die anderen Papiere besorgen. Am besten ist es, die M\u00e4nner kommen zuerst, f\u00fcr sie ist es gef\u00e4hrlicher. Die Frauen kommen sp\u00e4ter nach.\u201c Aber danach wurden keine Einreisevisa mehr erteilt. Sie alle kamen im Konzentrationslager ums Leben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als der Krieg vorbei war, wollten wir nach Amerika oder S\u00fcdamerika auswandern. Da es in den Vereinigten Staaten ein Quotensystem gab, hatte ich keine Chance, denn da, wo ich geboren war, war inzwischen Polen. Und f\u00fcr Polen waren die Quoten ausgesch\u00f6pft. Meine Frau, die aus Belgien stammte, w\u00e4re aufgenommen worden, f\u00fcr sie z\u00e4hlten die belgischen Quoten. Wir h\u00e4tten auch nach Deutschland zur\u00fcckgehen k\u00f6nnen, aber das wollten wir auf keinen Fall. Da schaffte es eine Tante, die in Argentinien lebte, Einreisevisa f\u00fcr Paraguay zu bekommen. Wir fuhren mit dem Schiff \u00fcber Hongkong, Manila, Kuan, Honolulu nach San Francisco, wo wir ein Flugzeug nahmen: Puerto Rico, Bel\u00e9m, Rio de Janeiro. Zwei Tage sp\u00e4ter war ich in der ARI bei Rabbiner Dr. Lemle, und bewarb mich als Kantor. Dort bekam ich einen Vertrag und der Aufenthalt wurde geregelt.\u201c Josef Aronsohn, 1918 in Tost Oberschlesien geboren, hat in der Gemeinde die bekannten und feinausgearbeiteten Melodien und Ges\u00e4nge der deutsch-j\u00fcdischen Liturgie ausgef\u00fchrt und unz\u00e4hligen Generationen das Lesen von der Torah zu Bar-Mitzwah gelehrt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meine Freunde, ab jetzt auch Eure Freunde, haben uns heute von sich erz\u00e4hlt. Lechaim gewinnt in diesem Kontext eine sehr pr\u00e4gnante und aufrichtende Bedeutung. Lechaim ist weit mehr als ein Anstoss-Spruch. Lechaim ist das Leben! Unsere Freunde haben, wenn nicht einzeln, so doch als Gemeinschaft, den Tod ins Gesicht geschaut. Sie haben trotz allem, was sie durchmachen mussten, ihre Leben weitergef\u00fchrt, ihre Synagogen in der neuen Heimat oder vielleicht erst der Heimat ihrer Kinder oder Enkelkinder erbaut, ihre Friedh\u00f6fe eingeweiht, Menschen gerettet und ihnen W\u00fcrde gegeben. Und immer dabei, als gestandene Zeugen von all dem, sind viele Objekte, die hoffentlich auch in den n\u00e4chsten hunderten Jahren diese bewegenden Geschichten erleuchten lassen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lechaim!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Kiddusch-Becher steht beispielhaft f\u00fcr die Bewegung der verschiedenen j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerungen Europas \u2013 sei sie gewollt, oder ungewollt gewesen. In der Tat spielt Bewegung eine wichtige Rolle auch f\u00fcr die nicht-j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerungen, mehr als der engstirnige nationalbezogene Gedanke erlauben m\u00f6chte. Menschen bewegen sich st\u00e4ndig. Nicht immer k\u00f6nnen oder d\u00fcrfen sie ihren Besitz mitnehmen. Im 20ten Jahrhundert gl\u00fcckte nur einem Teil der europ\u00e4ischen Juden die Flucht vor den nationalsozialistischen Verfolgungen. Und klein ist die Zahl derer, die ihr Hab und Gut, ihre materielle Existenz, mitzunehmen vermochten, sodass der Stellenwert des immateriellen Gep\u00e4cks \u2013 der Kultur, der Tradition, des erworbenen Wissens \u2013 immer wichtiger wurde. In diesem Zusammenhang sind Judaika-Objekte nicht nur Begleiter oder Protagonisten im j\u00fcdischen Kultus oder im allt\u00e4glichen oder zeremoniellen Leben von Juden, sondern viel mehr selber \u00dcberlebende. 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Wenige konnten sich auf die Auswanderung vorbereiten, auch weil sie nur mit dem Vorwand als Touristen einreisen d\u00fcrfen. Die Uni\u00e3o wurde 1937 gegr\u00fcndet, um juristische Betreuung, Unterkunftssuche, Sprachunterricht und Hilfeleistung anzubieten.","full_image_url":"https:\/\/www.heritageandhistory.ch\/site\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Aula_portugues.png","thumbnail_image_url":"https:\/\/www.heritageandhistory.ch\/site\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Aula_portugues-150x150.png","large_srcset":"https:\/\/www.heritageandhistory.ch\/site\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Aula_portugues.png 773w, https:\/\/www.heritageandhistory.ch\/site\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Aula_portugues-300x233.png 300w, https:\/\/www.heritageandhistory.ch\/site\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Aula_portugues-768x596.png 768w","medium_srcset":"https:\/\/www.heritageandhistory.ch\/site\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Aula_portugues-300x233.png 300w, https:\/\/www.heritageandhistory.ch\/site\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Aula_portugues-768x596.png 768w, https:\/\/www.heritageandhistory.ch\/site\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Aula_portugues.png 773w","media_details":{"width":773,"height":600,"sizes":{"medium":{"file":"Aula_portugues-300x233.png","width":300,"height":233,"mime-type":"image\/png","filesize":108408,"source_url":"https:\/\/www.heritageandhistory.ch\/site\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Aula_portugues-300x233.png"},"thumbnail":{"file":"Aula_portugues-150x150.png","width":150,"height":150,"mime-type":"image\/png","filesize":38319,"source_url":"https:\/\/www.heritageandhistory.ch\/site\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Aula_portugues-150x150.png"},"medium_large":{"file":"Aula_portugues-768x596.png","width":768,"height":596,"mime-type":"image\/png","filesize":659851,"source_url":"https:\/\/www.heritageandhistory.ch\/site\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Aula_portugues-768x596.png"}}},"alt_text":"","url":"","target":""},{"id":960,"title":"Therese_Bierig_1937_cap Arcona","caption":"Therese Bierig (geb. 1913 in Frankfurt am Main ) auf dem Kap Ancona 1937 auf dem Weg nach Rio de Janeiro. \u201eAls mein Mann 1936 seinem Onkel mitteilte, dass wir auswandern wollten, meinte dieser: \u201cWarum willst du weggehen? Wieso hast du es so eilig?\u201d fragte er.\u201c","full_image_url":"https:\/\/www.heritageandhistory.ch\/site\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Therese_Bierig_1937_cap-Arcona.jpg","thumbnail_image_url":"https:\/\/www.heritageandhistory.ch\/site\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Therese_Bierig_1937_cap-Arcona-150x150.jpg","large_srcset":"https:\/\/www.heritageandhistory.ch\/site\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Therese_Bierig_1937_cap-Arcona.jpg 451w, https:\/\/www.heritageandhistory.ch\/site\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Therese_Bierig_1937_cap-Arcona-208x300.jpg 208w","medium_srcset":"https:\/\/www.heritageandhistory.ch\/site\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Therese_Bierig_1937_cap-Arcona-208x300.jpg 208w, https:\/\/www.heritageandhistory.ch\/site\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Therese_Bierig_1937_cap-Arcona.jpg 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geweint.\"","full_image_url":"https:\/\/www.heritageandhistory.ch\/site\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/H_Zuckermann_Fahrrad_1925.jpg","thumbnail_image_url":"https:\/\/www.heritageandhistory.ch\/site\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/H_Zuckermann_Fahrrad_1925-150x150.jpg","large_srcset":"https:\/\/www.heritageandhistory.ch\/site\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/H_Zuckermann_Fahrrad_1925-768x1024.jpg 768w, https:\/\/www.heritageandhistory.ch\/site\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/H_Zuckermann_Fahrrad_1925-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.heritageandhistory.ch\/site\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/H_Zuckermann_Fahrrad_1925.jpg 960w","medium_srcset":"https:\/\/www.heritageandhistory.ch\/site\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/H_Zuckermann_Fahrrad_1925-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.heritageandhistory.ch\/site\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/H_Zuckermann_Fahrrad_1925-768x1024.jpg 768w, https:\/\/www.heritageandhistory.ch\/site\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/H_Zuckermann_Fahrrad_1925.jpg 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